Ich habe es mir ab und zu schon vorgestellt. Weil ich schon lange weiß, dass dieser Moment irgendwann kommen wird. In meinem Kopf war es immer so, dass ich irgendwo stehe, zum Beispiel an der Supermarkt Kasse und plötzlich das Telefon klingelt. Dass ich dann schreie und am Boden zusammenbreche. Ab da habe ich meistens aufgehört daran zu denken und die Vorstellung wieder verdrängt, weil es zu schmerzhaft war. Ich dachte, ich würde es niemals überleben, meinen Papa zu verlieren. Ich dachte, die Welt würde aufhören, sich zu drehen und ich würde für immer in ein schwarzes Loch fallen. Und doch sitze ich nun hier und tippe diese Zeilen.

Es war Sonntag Morgen, als der Anruf meiner Mama kam. Mein Papa ist auf der Intensivstation, unbewusst. Meine Schwester und ich müssen sofort von Wien nach München kommen. Es ist unsicher, ob wir uns überhaupt noch von ihm verabschieden können. Das Gefühl, das sich in dem Moment in mir breitmacht, lässt sich nicht in Worte fassen. Es ist, als würde plötzlich alles komplett in mir zusammenbrechen. Ich krümme mich, halte meinen Bauch, verdrücke das Schreien, weil ich telefonieren und klar denken muss. Auf das Telefonat folgt eine Achterbahn zwischen völliger Verzweiflung, einem unaushaltbaren Schmerz im Herzen, dem Gefühl, ohnmächtig zu werden – und einer Art Schockstarre, in der ich wie fremdgesteuert denke, handle, Entscheidungen treffe. Es ist einerseits wie die schlimmste Folter – andererseits habe ich in diesem Moment das erste Mal das Gefühl, dass ich es überwinden kann. Es ist wie als würde der Körper einen Schutzmechanismus auslösen, damit man überlebt und klar handeln kann. Ich fühle mich zugleich machtlos und als könnte ich alles in der Welt überleben.

Die folgenden ein einhalb Wochen, die wir noch mit ihm haben, sind die härtesten und zugleich die intensivsten und liebegefülltesten Wochen, an die ich mich in meinem Leben erinnern kann. Jeder Tag ist anders und die Gefühle schwanken stark. An manchen Tagen fühlt es sich an, als hätte ich einen unsichtbaren Schutzmantel um mich gelegt. Plötzlich bin ich emotional ganz distanziert von allen Geschehnissen und es kommen mir rationale Gedanken: Jeder macht irgendwann die Erfahrung, ein Elternteil zu verlieren. Es gibt auch ein Leben danach und irgendwann wird alles gut. Ich sehe dann alles wie aus der Entfernung. Und dann plötzlich überkommt mich wieder die volle Ladung an Verzweiflung. Eine unfassbare Leere, wenn ich daran denke, was alles nach seinem Abschied auf uns zukommt. Eine unfassbare Machtlosigkeit dem gegenüber, was passiert. Eine Verzweiflung vor der Ungerechtigkeit und vor dem Unaufhaltbaren.

Und doch: Als es passiert, leben wir weiter.

Jeder wie er kann.

Mit Aufs und Abs.

Aber – es geht weiter.

Heute, mit etwas Abstand, weiß ich, dass es insbesondere drei Dinge sind, die mich durch die letzten sechs Wochen getragen haben – und es auch weiter tun werden. Zum einen ist es Vertrauen. Vertrauen ins Leben. Vertrauen darin, dass alles so wird, wie es sein soll und wie es gut ist. Vertrauen in uns selbst, dass wir alles überwinden können. Zum anderen ist es Liebe. Liebe von allen um uns herum, die uns durch die Zeit hindurch helfen. Die Liebe von dem Menschen, den wir verlieren mussten, denn die Liebe ist das, was für immer bleibt. Zuletzt ist es unsere innere Kraft. Eine Kraft, von der wir nie gedacht hätten, dass wir sie besitzen. Aber die irgendwie da ist und uns trägt.

Foto: Lichterstaub Fotografie